Jens Johler > Romane > Fiktion und Fakten Teil 3

Kapitel 33: Das Manuskript

Wie Bach die einst so geliebte Sophie Agneta besucht und sie ihm am Ende sein Opernmanuskript überreicht. Wie Bach ihr, einer plötzlichen Regung folgend, sein Honorar für den Wettstreit mit Marchand schenkt.

F: Ist das Opernmanuskript tatsächlich erhalten?

JJ: Nein, es ist wieder verschwunden.

F: Hat es das Schiffsunglück vor den Keys von Florida wirklich gegeben?

JJ: Ja. Ich bin auf die Geschichte nur gekommen, weil ich von dieser Katastrophe gelesen hatte. Das Unglück ereignete sich im Jahr 1715, siehe den Wikipedia-Artikel „Florida Keys“. http://de.wikipedia.org/wiki/Florida_Keys#Neuzeitliche_Entdeckung_und_Schiffsungl.C3.BCcke 

F: Und Bach hat sein Honorar für den kampflosen Sieg über Marchand tatsächlich verschenkt?

JJ: Die Sache ist rätselhaft. Im sogenannten Nekrolog berichten C.P.E. Bach und J.F. Agricola: „Der König hatte ihm dafür ein Geschenk von 500 Thalern bestimmet; allein durch die Untreue eines gewissen Bedienten, der dieses Geschenk besser brauchen zu können glaubte, wurde er drum gebracht, und mußte die erworbene Ehre, als die einzige Belohnung seiner Bemühungen mit sich nach Hause nehmen.“ (Leben und Werk in Dokumenten, S.189)

Die Frage ist natürlich, wieso Bach sich mit der Untreue des gewissen Bediensteten so einfach abfand. Hatte er die Geschichte womöglich selbst erfunden?

Kapitel 34: Der Untertan

Wie Bach dem Herzog wegen seines Vertrages mit Fürst Leopold von Köthen Rede und Antwort stehen muss. Wie der Herzog von Bach enttäuscht ist und Bach dem Herzog Widerworte gibt. Der Herzog lässt Bach auf die Landrichterstube bringen.

F: Gibt es ein Protokoll dieser Unterredung Bachs mit dem Herzog?

JJ: Nein. Aber so oder so ähnlich muss es sich zugetragen haben. Immerhin brachte Bach tatsächlich die Zeit vom 6. November bis 2. Dezember 1717 auf der Landrichterstube zu.

 Die Aktennotiz vom 2.12.1717 in Weimar lautet: „eodem d. 6. Nov., ist der bisherige Concert-Meister u. Hof-Organist, Bach, wegen seiner Halßstarrigen Bezeügung u. zu erzwingenden dimission, auf der LandRichter-Stube arretiret, u. endlich d. 2. Dec. darauf, mit angezeigter Ungnade, Ihme die dimission durch den HofSecretär angedeütet, u. zugleich des arrests befreyet worden.“ (Leben und Werk in Dokumenten, S. 44)

Kapitel 35: Landrichterstube

Wie Bach in der engen Gefängniszelle beinahe verzweifelt. - Wie er beginnt, über sein Leben nachzudenken. Was ist sein Werk?

F: Landrichterstube – das klingt doch eher gemütlich?

JJ: War es aber nicht. Die Informationen zur Landrichterstube stammen von Klaus Eidam, „Das wahre Leben ...“ S.123. Eidams Biographie ist gerade auch wegen der realistischen Schilderung der Lebensumstände in der damaligen Zeit äußerst empfehlenswert.

F: Erbarme dich, mein Gott, um meiner Zähren willen – stammt das nicht ...

JJ: ... aus der Matthäus-Passion, ja. Die war zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht komponiert, aber sie beginnt bereits, sich in Bach zu komponieren.

Kapitel 36: Der Hofmarschall

Wie Bach in seiner Zelle Besuch vom Hofmarschall bekommt und diese ihm einige Hoffnung auf Entlassung macht. – Wie der Hofmarschall Bach durch eine beiläufige Bemerkung auf die Idee bringt, Präludien und Fugen zu komponieren.

F: Hat Bach das Wohltemperierte Klavier wirklich im Gefängnis begonnen?

JJ: Es gibt die Vermutung. Sie stützt sich auf einen Artikel von E. L. Gerber aus dem Historisch-Biographischen Lexicon der Tonkünstler – Leipzig 1790. Darin heißt es:

„Und diese erstaunte Fertigkeit, diese nie vor ihm gebrauchte Fingersetzung, hatte er seinen eigenen Werken zu danken; denn oft, sagte er, habe er sich genöthiget gesehen, die Nacht zu Hülfe zu nehmen, um dasjenige herausbringen zu können, was er den Tag über geschrieben hätte. Es ist dies um desto eher zu glauben, da er nie gewohnt war beym Komponiren sein Klavier um Rath zu fragen. So hat er nach einer gewissen Tradition, sein Temperirtes Klavier, dies sind zum Theil sehr künstliche Fugen und Präludia durch alle 24 Töne, an einem Orte geschrieben, wo ihm Unmuth, lange Weile und Mangel an jeder Art von musikalischen Instrumenten diesen Zeitvertreib abnöthigte.“ (zit. in Dokumente, S. 69 f.)

Kapitel 37: Köthen

Wie Bach aus dem Gefängnis entlassen und zu Hause freudig begrüßt wird. – Wie die Familie nach Köthen umzieht und Bach gleich eine Geburtstagskantate für den Fürsten komponiert. – Wie er in Leipzig dem Thomaskantor Johann Kuhnau begegnet und dieser ihm von dem Duell Händels mit Mattheson erzählt. – Wie Maria Barbara in der neuen Umgebung aufblüht. – Wie der Fürst von seiner Reise nach England schwärmt und davon, dass er Händels Rinaldo im Queens Theatre gesehen habe. – Wie Bach den Fürsten nach Karlsbad begleitet. – Wie Bach von Telemann einen Brief mit der Brockes-Passion von Händel bekommt.

F: Bei seinem Besuch in Leipzig erfährt Bach durch Johann Kuhnau von dem Duell, das zwischen Mattheson und Händel stattfand. Anekdote oder Tatsache?

JJ: Beides. Mattheson berichtet davon in der „Musikalischen Ehrenpforte“. Händel und er hätten noch am selben Tag zusammen gespeist und seien hernach bessere Freunde als zuvor geworden. (cf.  Hogwood, S.39 f.)

F: Die Grand Tour des Fürsten – Fiktion oder Faktum?

JJ: Faktum. Der Fürst ließ von einem Lakaien ein Reisetagebuch schreiben. Das Original der Handschrift befindet sich im Historischen Museum, Schloss Köthen. Ich möchte mich an dieser Stelle herzlich bei Eva Fitz bedanken, die das Tagebuch aus der Sütterlin-Schrift in eine für mich lesbare Version übertragen hat. Was der Fürst von der Reise erzählt, habe ich diesem Tagebuch entnommen. 

F: Wie war das eigentlich mit der Freundschaft zwischen Bach und Telemann? Wann haben die beiden sich kennengelernt. Wie kam es zu der Patenschaft Georg Philipp Telemanns für Carl Philipp Emanuel Bach?

JJ: Wie so oft lautet die Antwort: Nichts genaues weiß man nicht. Christoph Wolff schreibt in seiner großangelegten Bachbiographie, Bach habe Telemanns Concerto in G-Dur für zwei Violinen und Orchester gemeinsam mit dem Geiger Johann Georg Pisendel kopiert. Und weiter heißt es: „Pisendel reiste 1709 durch Weimar, und allem Anschein nach (?) führten er und Bach das Doppelkonzert mit der Weimarer Hofkapelle auf. Möglich ist auch (!), daß auch Telemann, zu jener Zeit Kapellmeister am benachbarten Hof von Sachsen-Eisenach an der Aufführung teilnahm, oder daß Bach und Pisendel das Stück ebenfalls mit der Eisenacher Hofkapelle aufführten. Jedenfalls bot Telemanns Aufenthalt in Eisenach Bach die Gelegenheit, engere berufliche und persönliche Verbindungen anzuknüpfen, denn 1714 bat er Telemann, das Patenamt für seinen zweiten Sohn Carl Philipp Emanuel zu übernehmen.“ (S. 148 f.)

F: Hat es einen Grund, dass Telemann in Ihrem Roman nicht persönlich auftritt?

JJ: Ich hatte ursprünglich ein Kapitel geschrieben, in dem Telemann Bach in Köthen besucht, aber das Kapitel brachte nichts Neues für den Roman. Den Disput über das Wohltemperierte Klavier führt Bach mit Erdmann, und die Kontrastfigur zu Bachs introvertiertem Künstlertum, bietet besser der gleichaltrige Händel. Man sollte sich aber hin und wieder daran erinnern, dass Telemann damals der bei weitem erfolgreichere, berühmtere und auch geschäftstüchtigere Musiker war.

F: Gibt es einen Beleg für Bachs Empörung darüber, dass in Hamburg die vier Brockes-Passionen während einer Woche aufgeführt wurden?

JJ: Nein. Aber man kann es sich gut vorstellen. Karl Grebe schreibt mit dem Bedauern des Schutzpatrons, den Biographen so gern für ihre Helden spielen: „Der Vergleich mit Bach entwertet leider auch Telemanns Passionen, obwohl diese genialischen Partituren sich als wahre Fundgruben sowohl von Qualität als auch von Charakteristikum erweisen. Es hat religiöse Gründe. Die beiden Passionen Bachs sind, wo immer sie aufgeführt werden, stellvertretender Gottesdienst, in ihnen ist Allerheiligstes gegenwärtig, sie dulden kein beliebig vermehrbares Nebeneinander vergleichbarer Werke ...“ (rororo Monographie Telemann, S.106)

Ähnlich äußert sich Martin Geck. „Die paradigmatische Bedeutung dieses Vorgangs“, schreibt er, nämlich dass die vier Passionen 1719 innerhalb einer Woche aufgeführt wurden, „ist kaum zu überschätzen: Daß die Hörer die stilistischen Vorzüge und Eigenheiten der gleichsam miteinander wetteifernden Komponisten an Hand der Vertonung ein und desselben Textes vergleichen konnten, macht deutlich, daß es um Musikgenuß und bürgerliche Geschmacksbildung, nicht aber um eine im engeren Sinne kirchliche oder gar liturgische Veranstaltung ging.“ (Geck, S.421)

Kapitel 38: Händel

Wie Bach mit der Kutsche von Köthen nach Halle fährt, um Händel zu treffen. – Wie er in der Kutsche einen fiktiven Dialog mit Händel führt. – Wie er, in Halle angekommen, erfahren muss, dass Händel bereits abgereist ist.

F: Hat es diese Fahrt nach Halle tatsächlich gegeben?

JJ: Die Biographen berichten davon. Auch davon, dass Händel bereits abgereist war, als Bach ankam. 

Kapitel 39: Das Werk

Wie Bach im Traum mit seinem Vater zur Wartburg hinaufgeht und in einer Klosterzelle zurückbleibt. – Wie Bach den Plan für die 24 Präludien und Fugen des Wohltemperierten Klaviers entwirft.

F: Sie sind doch gar kein Musiker und haben auch nicht Musik studiert – woher haben Sie all das Wissen über die Musik wie hier über das Wohltemperierte Klavier?

JJ: Ich habe seit 2010 Musikkurse an der Universität der Künste in Berlin besucht, bei Professor Christoph Richter, Professor Friedrich C. Heller und bei Habakuk Traber, denen ich an dieser Stelle ausdrücklich danken möchte. – Aber natürlich habe ich mir für das Wohltemperierte Klavier auch Literatur besorgt, vor allem das Werk von Hermann Keller und das von Siglind Bruhn.(Hermann Keller, „Das Wohltemperierte Klavier I und II“, Bärenreiter Verlag, 1965, und Siglind Bruhn, „J.S. Bachs Wohltemperiertes Klavier – Analyse und Gestaltung“, Waldkirch: Edition Gorz, 2006)

F: Gab es in diesen Büchern auch Hinweise auf Bachs Überlegungen darüber, wie er die Präludien und Fugen des Wohltemperierten Klaviers anordnen würde?

JJ: Nein. - Es mag sein, dass es irgendwo im weiten Meer der Bachliteratur entsprechende Überlegungen dazu gibt, ich habe sie nicht gefunden. Ich brauchte sie aber, weil ich als Romanautor nicht vom fertigen Ergebnis ausgehen kann, sondern den Helden in Entscheidungssituationen darstellen muss, eben auch Situationen, in denen künstlerische Entscheidungen gefällt werden. Es gab Gründe für Bach, das Wohltemperierte Klavier so zu gestalten, wie er es getan hat. Aber es stand ja nicht von vornherein fest.

Es gibt zum Beispiel eine ganz eigene Version des Wohltemperierten Klaviers von Dimitri Schostakowitsch, der mit seinen Präludien und Fugen den Quintenzirkel abschreitet (also von C nach G – D – A und so weiter), und der den Durtonarten die entsprechenden Paralleltonarten zuordnet, also C-Dur und a-Moll, dann G-Dur und e-Moll und so weiter.

Auch von Franz Liszt gibt es, wenn auch nur halb vollendet, ein entsprechendes Werk, die „Etudes d’execution transcendante“. Liszt ordnet ebenfalls Dur- und Molltonarten parallel an, also nach Art der Vorzeichen, nur schreitet er den Quintenzirkel gegen den Uhrzeigersinn ab, von C nach F – B – Es und so weiter.

Kurz: Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Systematisierung, und Bach hat eine sehr eigenwillige und durchaus nicht selbstverständliche Wahl getroffen. 

Kapitel 40: Der Pfeil

Wie Maria Barbara in Schwermut verfällt, weil ihr jüngster Sohn gestorben ist. – Wie Bach den Fürsten nach dem Karlsbade begleitet und auf dem Rückweg in Weißenfels Station macht. – Wie er sich in die Jungfer Anna Magdalena verliebt und sich wünscht, Maria Barbara wäre nicht mehr da.

F: Führte der Weg von Karlsbad nach Köthen wirklich über Weißenfels?

JJ: Hermann Kock zufolge immerhin auf einer der möglichen Routen. Der gesamte Weg war dann 271 km lang. Der Weg von Weißenfels nach Köthen noch 59 km, das ist eine Tagesreise.

F: Hat Bach Anna Magdalena Wilcke tatsächlich schon im Juli 1720 kennengelernt, als Maria Barbara noch lebte?

JJ: Es ist zumindest nicht ausgeschlossen. Martin Geck vermutet, es sei Bach gewesen, der Anna Magdalena als Sängerin von Weißenfels nach Köthen geholt hat:  „Angesichts der guten Verbindungen Bachs zum Weißenfelser Hof ist es denkbar, daß die junge Sängerin, die in Köthener Akten erstmals im Juni 1721 als Abendmahlsgast auftaucht, von ihm selbst verpflichtet worden ist.“ (Geck, S.113)

F: Wie alt war Anna Magdalena, als Bach und Fürst Leopold in Weißenfels Station machten?

Kapitel 41:  Warum hast du mich verlassen?

Wie Bach nach Hause kommt und Maria Barbara im Sterben liegt. - Wie Maria Barbara beerdigt wird und Bach sich Vorwürfe wegen seiner sündhaften Wünsche macht. 

F: In den Biographien ist zu lesen, Maria Barbara sei, als Bach nach Köthen zurückkam, schon tot und begraben gewesen.

JJ: So steht es im Nekrolog. „Nachdem er mit dieser seiner ersten Ehegattin 13 Jahre eine vergnügte Ehe geführet hatte, wiederfuhr ihm in Cöthen, im Jahre 1720, der empfindliche Schmerz, dieselbe bey seiner Rückkunft von einer Reise, mit seinem Fürsten nach dem Carlsbade, todt und begraben zu finden; ohngeachtet er sie bey der Abreise gesund und frisch verlassen hatte. Die erste Nachricht, daß sie krank gewesen und gestorben wäre, erhielt er beym Eintritte in sein Hauß.“ (Dokumente, S. 192)

F: Und warum halten Sie sich nicht an diese historische Wahrheit?

JJ: Nun, mit der historischen Wahrheit ist es so eine Sache. Die Frage ist ja nicht nur, ob man die Quellen richtig zitiert, sondern auch, ob man sie auf ihre Glaubwürdigkeit hin prüft.

Dass man aber dem Nekrolog nicht aufs Wort glauben kann, zeigte sich schon bei der Frage, wann Bachs Bruder Christoph starb. Dem Nekrolog zufolge starb er bereits vor Bachs Wanderung nach Lüneburg, also im Jahre 1700. Tatsächlich lebte er jedoch bis 1721.

Was nun die Version betrifft, dass Maria Barbara bei Bachs Rückkehr aus Karlsbad schon tot und begraben gewesen sei, so bezeichnet Günter Hoppe in einem Aufsatz für die Cöthener Bach-Hefte 12/2004 diese Version als „Legende“.  Seine Begründung:

Erstens: Das Begräbnis von Maria Barbara am 7. Juli 1720 war relativ aufwendig. Bezahlt wurde „vor die gantze Schule“, d.h. für deren vollen musikalischen Einsatz. Angemessen, so Hoppe, wäre gewesen „vor die halbe Schule“ zu zahlen. Warum ein solcher finanzieller Aufwand? „Hatte Bach sich ‚Seelenleichtigkeit’ vorzuwerfen? Machte er sich, aufkommender Gerüchte wegen, nun Vorwürfe?“ (S. 44)

Darüber hinaus ließe sich noch argumentieren: Wer sollte diese großzügige Maßnahme angeordnet haben, wenn sowohl Bach als auch Fürst Leopold nicht da waren?

Zweitens: Fürst Leopold (mit Hofmeister Nostitz, Bach und dem Chirurgen Melsophius im Gefolge), muss bald nach dem 16. Juni 1720 die Rückkehr von Karlsbad aus angetreten haben, das belegen die Zahlungen. Hoppe: „Man saß wohl, mißlich für einen Reichsfürsten, auf dem Trocknen. Die Reise stand, wie Melsophius’ Mitnahme bezeugt, wohl auch schon stärker unter dem Unstern der Krankheit Leopolds. Erst der Nekrolog brachte die Legende auf, wonach Bach seine Maria Barbara, obwohl er sie gesund verließ, schon begraben vorfand.“ (S.46)

Mit einem Wort: meine Version, nämlich dass Bach Maria Barbara noch lebend antrifft, lässt sich genauso gut, wenn nicht sogar besser, begründen als die Standardversion, die in allen Biographie zu lesen ist.

Wenn aber der Romanautor zwei Möglichkeiten hat, dann wählt er selbstverständlich die Version, die dramaturgisch interessanter ist. 

Kapitel 42: Das Lob des Meisters

Wie Bach in der Jacobikirche in Hamburg die Kantate Ich hatte viel Bekümmernis aufführt und in der Katharinenkirche ein Orgelkonzert gibt. – Wie der große Adam Reincken ihn lobt. – Wie er beim Hauptpastor Erdmann Neumeister ein Bilderbuch mit der Geschichte des Anti-Christ durchblättert.

F: Die Bewerbung in Hamburg ist sicherlich historisch verbürgt.

JJ: Ja. Allerdings ist weder das genaue Datum des Orgelkonzertes überliefert – Christoph Wolff vermutet, es sei der 16. November gewesen – noch ist sicher, dass er die Kantate Ich hatte viel Bekümmernis aufgeführt hat. „Vermutlich“, schreibt Wolff. Außerdem nimmt Wolff an, Bach hätte auch die Kantate in der Katharinenkirche aufgeführt. Ich finde es wahrscheinlicher, dass es in der Jacobikirche war, weil er sich für die dort freigewordene Organistenstelle bewerben hatte.

F: Gab es damals ein Buch mit der Darstellung des Anti-Christ-Fensters aus der Frankfurter Marienkirche?

JJ: Es gab auf jeden Fall Bücher, in denen die Anti-Christ-Legende bildlich dargestellt wurde. Ich habe mir vorgestellt, es sei ein Bildband mit Darstellungen der Fenster, die man auch heute noch in der Marienkirche in Frankfurt/Oder besichtigen kann. Die Fenster stammen aus dem 14. Jahrhundert. Ich bin in meiner Darstellung dem Aufsatz von Eva Fitz gefolgt. (Eva Fitz: „Antichrist und Heilsgeschichte – Das Bildprogramm der Glasmalereien aus der Marienkirche in Frankfurt an der Oder“, Sonderdruck aus Band 61/ 2007 der Zeitschrift de deutschen Vereins für Kunstwissenschaft, Berlin 2008)

Die Darstellung hier weist natürlich auf das 45. Kapitel voraus.

Kapitel 43: Das Wohltemperierte Klavier

Wie Bach erleichtert ist, dass er nicht nach Hamburg muss, weil er nun Anna Magdalena nach Köthen engagieren kann. – Bach heiratet Anna Magdalena und vollendet das Wohltemperierte Klavier.

F: Ist es wirklich wahr, dass der Eintrag im Kirchenbuch lautet: Maria Magdalena?

JJ: Ich hätte mir niemals erlaubt, eine so platte Pointe zu platzieren, wenn es nicht wirklich passiert wäre.

F: Das, was Sie über das Wohltemperierte Klavier schreiben ...?

JJ: Ich sagte es schon: Hermann Keller, Sigrid Bruhn, dann Stefan Mickisch, von dessen wunderbarer CD: „Tonarten und Sternzeichen“ ich viel über die Tonartencharakteristik erfahren habe, Meike Pfister von der UdK Berlin und schließlich Professor Walter Weber-Krüger, von der Universität Kassel. Was ich mir selbst verdanke, ist die andere Perspektive: Nicht rückwärtsgewandt interpretierend, wie es alle Wissenschaftler und Biographen machen, sondern mit der umgekehrten Fragestellung: Was wollte Bach, und was hat er getan, um sein Ziel zu erreichen. Den Gedanken z.B., dass Bach die frühe Version des C-Dur-Präludiums um acht Takte erweitert hat, damit alle zwölf Töne in diesem Präludium vorkommen, habe ich nirgendwo so gelesen. Aber vielleicht steht es irgendwo, wer kennt schon alles, was über Bach geschrieben wurde.

F: Ist es verbürgt, dass Bach das Wohltemperierte Klavier am 15. März 1722 beendet hat?

JJ: Nein. Das Titelblatt trägt nur die Jahreszahl: 1722. Aber wenn ich den jungen Bach schon am Tag seines Auszugs aus Ohrdruf den Beginn des C-Dur-Präludiums pfeifen lasse (C-Dur ist laut Stefan Mickisch die Tonart des Sonnenaufgangs, für mich zugleich die Tonart des Romanauftakts), dann ist es nur folgerichtig, dass ich den gereiften Bach dieses Präludium am Jahrestag seines Aufbruchs vollenden lasse. Soviel Symmetrie muss sein.

Kapitel 44: Kanalisierte Töne

Wie Bach Besuch von Erdmann bekommt und ihm das Wohltemperierte Klavier vorstellt. – Wie Erdmann seine Enttäuschung darüber zum Ausdruck bringt, dass der Weg in die Künstlichkeit der Welt auch in der Musik beschritten wird.

F: War Erdmann zu dieser Zeit wirklich der Resident des Zaren in Danzig?

JJ: Ja. Siehe die Anmerkung zu Kapitel 1. Aber, um es gleich vorwegzunehmen: Sein Besuch bei Bach zu dieser Zeit ist nicht verbürgt. Überhaupt weiß man über Erdmann wenig. Noch weniger als über Bach.

F: Ist die Bartsteuer eine Erfindung von Ihnen?

JJ: Um Gottes Willen, nein: Die ist eine Erfindung von Peter dem Großen oder von einem seiner Berater. Könnte Erdmann gewesen sein. 

F: In gewisser Weise scheint mir dieses Kapitel das zentrale Kapitel im ganzen Buch zu sein. Ist das so?

JJ: Nun ja, jedenfalls ist es ein Kapitel, in dem Vieles zusammen geführt wird. Erst jetzt wird möglicherweise richtig klar, warum Bach im vierten Kapitel die Sache mit dem pythagoreischen Komma vorträgt; warum Böhm ihm die Weltharmonik und später die Grundsätze der Affektenlehre erklärt; und was das alles mit der Stimmung der Welt zu tun hat. Es ist tatsächlich ein epochaler Bruch mit der Jahrtausende alten Vorstellung von der Weltharmonie, der sich hier vollzieht. Und es war nicht bloß, wie man heute oft lesen kann, ein technisches Problem, das mit der wohltemperierten Stimmung gelöst wurde.

F: Dass Andreas Werckmeister schon von wohl temperierten Menschen redet, ist vermutlich Zitat?

JJ: Ja. In den Musicalischen Paradoxal-Discoursen, S.110, heißt es: "Wir schreiten weiter und wissen, wenn die Temperatur also eingerichtet wird, dass alle Quinten 1/12 Commat; die Tert.maj 2/3; die min 3/4 Comm. schweben und ein accurates Ohr dieselbe auch zum Stande zu bringen und zu stimmen weiß, so dann gewiss eine wohl temperirte Harmonia durch den ganzen Circul und durch alle Claves sich finden wird. Welches dann ein Vorbild sein kann, wie alle fromme und wol temperirte Menschen mit Gott in stets währender gleicher und ewiger Harmonia leben und jubilieren werden."

Kapitel 45: Die Nacht

Wie Bach eines Nachts die Augen aufschlägt und gelähmt ist. Wie er drei Tage in einem fürchterlichen Fieber zubringt und währenddessen die Vision von Werckmeister als Lucifer und Anti-Christ erleidet

F: Haben die drei Tage, die Bach im Fieber liegt, eine Beziehung zu den drei Tagen, die Jona im Bauch des Wals verbringt?

JJ: Ja, gewiss. Und zu den drei Tagen, die Christus zur Hölle gefahren ist, bevor er wieder auferstand. Drei Tage mussten es schon sein. 

F: Das T auf Werckmeisters Stirn ...

JJ: ... ist natürlich in traumartig veränderter Form das T im "Heiligen"-Schein des Anti-Christ, dessen Geschichte Bach am Ende von Kapitel 42 in einem Buch bildlich dargestellt findet.   

Kapitel 46: H - C - A - B

Wie Bach in die St.Agnus-Kirche geht, um zu beten. Auf ihm lastet die Furcht, dass sein Werk nur von dieser Welt ist. Da aber sieht er am Kreuze den, dessen Reich nicht von dieser Welt ist. 

F: Weiß man eigentlich etwas über den Selbstzweifel, in den Bach nach Ihrer Darstellung gerät, als er das Wohltemperierte Klavier vollendet hat?

JJ: Nein. Wenigstens nicht in dem Sinne, dass es einen Tagebucheintrag oder einen Brief oder dergleichen gäbe. Ich will auch nicht verhehlen, dass dieser Moment für mich schon vor Beginn der eigentlichen Arbeit an dem Roman feststand. Der Arbeitstitel hätte auch lauten können: Bachs Zweifel. Aber umso mehr haben mich zwei Fakten überrascht und unverhofft bestätigt: Erstens, dass Bach die Johannes-Passion auf Köthener Papier geschrieben hat. Und zweitens, dass am Ende der Johannes-Passion dieses Motiv vorkommt, die Umkehrung seines Namens, das H-C-A-B. Irgendwo - ich weiß nicht mehr, wo - wurde das als Zeichen seiner Umkehr gedeutet, ohne dass jedoch hinzugefügt wurde: Umkehr von wo nach wo. Ich denke, es ist die Umkehr von Jahren der weltlichen Musik, besonders von der gefährlich experimentellen des Wohltemperierten Klaviers, hin zur tief religiösen Musik der Johannes-Passion, mit der Bach an die Weimarer Kantaten anknüpft und über sie hinaus geht. 

Kapitel 47: Vater und Sohn

Wie Bach zusammen mit seinem Sohn Friedemann in einer Kutsche von Leipzig nach Köthen reist. – Wie er erkennt, dass Friedemann unter der Größe seines Vaters leidet. – Wie er ihm vom Tod seines eigenen Vaters Ambrosius erzählt.

F: Bachs Vater glaubte, dass jede Seele eine eigene Signatur habe – erinnert das nicht sehr an den christlichen Mystiker Jakob Böhme?

JJ: Ja, und das soll es auch. De signatura rerum heißt das 1622 veröffentlichte Werk von Jakob Böhme, den Hegel einst als den ersten deutschen Philosophen bezeichnete. Die Signaturen, so Böhme sind „Behälter oder Kasten des Geistes darinnen er lieget; denn die Signatur stehet in der Essenz und ist gleichwie eine Laute, die da stille stehen, die ist ja stumm und unverstanden. So man aber darauf schläget, so verstehet man die Gestaltnis, in was Form und Zubereitung sie stehet und nach welcher Stimme sie gezogen ist.“ (zitiert rororo, S.93) Und an anderer Stelle: „... denn die Natur hat jedem Dinge seine Sprache nach seiner Essenz und Gestaltnis gegeben; denn aus der Essenz urständet die Sprache oder der Hall... Ein jedes Ding hat seinen Mund zur Offenbarung. Und das ist die Natursprache, daraus jedes Ding aus seiner Eigenschaft redet und sich immer selber offenbaret.“ (ebenda S. 94)

F: Ist eine solche Geisteshaltung von Bachs Vater Ambrosius überliefert?

JJ: Nein. Aber lebt nicht etwas davon in Bach fort?

F: Die Geschichte vom Tod des Vaters, die Bach erzählt, ist vermutlich auch erfunden.

JJ: Ja. Der Sinn der Sache war es natürlich zu zeigen, wie wenig geachtet Musiker zu Bachs Zeit waren. Es gab Stars wie Telemann und Händel, Heinichen und Hasse, aber der normale Stadtmusiker stand nicht besonders weit oben in der Hierarchie. Selbst Dietrich Buxtehude gehörte in der Lübecker Hierarchie nur zur vierten Bürgerklasse. Der vierten von sechs. Der vierten von oben. (vgl. Kapitel 17, S.127)

Kapitel 48: Matthäus-Passion

Wie Bach am Karfreitag 1727 in der Thomaskirche die Matthäus-Passion aufführt. – Wie er am Ende davon überrascht wird, dass sein Freund Erdmann in der Kirche war. -  Wie sie gemeinsam über den Platz zum Haus der Familie Bose gehen.

F: Waren die Chöre damals tatsächlich so klein? Nur vierundzwanzig Sänger insgesamt?

JJ: Ja.

F: Warum haben Sie die Darstellung der Matthäus-Passion ausgelassen?

JJ: Weil sie entweder schlecht oder ein eigener Roman geworden wäre.

F:Ist es verbürgt, dass Erdmann der Aufführung beiwohnte?

JJ: Nein. Aber der überlieferte Brief von Bach an Erdmann aus dem Jahr 1730 beweist, dass die beiden immer noch in Kontakt zueinander standen.

F: Bach übernimmt eine weltliche Arie – „Ich will Dir mein Herze schenken“ – mit in die Passion. Ist das nicht ziemlich unwahrscheinlich?

JJ: Nein, im Gegenteil. Er hat so etwas oft gemacht. Man nennt das ein „Parodieverfahren“, wobei Parodie in diesem Zusammenhang nichts mit Komik oder Satire zu tun hat, sondern nur damit, dass dieselbe Melodie mit einem anderen Text versehen wird. Die Arie „Ich will Dir mein Herze schenken“ war übrigens, wie mir der Filmemacher Richard Blank erzählte, tatsächlich ein bekanntes Lied zu Bachs Zeit.

F: Kann man tatsächlich sagen, dass Bach die Matthäus-Passion nicht so hätte komponieren können, wenn er nicht zuvor die experimentellen Erfahrungen mit dem Wohltemperierten Klavier gemacht hätte?

JJ: In der großen Biographie von Christoph Wolff kann man es so lesen (S.324).

F: Und die Kritik am Opernhaften der Passion?

JJ: Ist mit der vielzitierten Anekdote überliefert, dass nach der Aufführung eine Dame gesagt habe: „Behüte Gott! Ist es doch, als ob man in einer Opera Comédie wäre.“