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Sollen wir eine neue Gruppe gründen?

Erschienen im "Tagesspiegel" am 27. Oktober 1995

Die Kranichsteiner Literaturtage in Darmstadt haben dieses Jahr keinen Wettbewerbscharakter mehr. Zwar wird wie immer ein Preis vergeben, aber die Jury aus fünf Lektoren entscheidet darüber bereits, bevor die Autoren anreisen. Das ist für den Autor sehr angenehm. Nun muß er nicht mehr, wie in Klagenfurt, dasitzen und sich anhören, wie die Kritiker seinen Text heruntermachen. Er darf sogar selber mitreden, und zwar über die Frage: "Wie leserfreundlich muß deutschsprachige Gegenwartsliteratur sein?" Irgendjemand hat sich diese Frage ausgedacht. Man wüßte gern, was für eine Antwort er erwartet? "Gar nicht?" Oder: "Hundert Prozent?" Und warum hat er nicht ganz allgemein gefragt, wie leserfreundlich Literatur sein soll?

Die Frage geht auf einen Essayband zurück, den Uwe Wittstock, Lektor und einer der diesjährigen Juroren, geschrieben hat: "Leselust - Wie unterhaltsam ist die deutsche Literatur?" Es beginnt mit einer Bestandsaufnahme: "Die jüngere deutsche Literatur hat ihr Publikum verloren". Und woran liegt das? Daran, daß die Literatur ihre repräsentative Funktion verloren habe, daran, daß die 68er in der Adorno-Nachfolge die falschen Kriterien für Literatur aufgestellt hätten, daran, daß die Schriftsteller in den 70ern und 80ern zu viel Selbsterfahrungsgrübeleien produziert hätten, kurz, daran, daß die Autoren eine wichtige Dimension des künstlerischen Schaffens vernachlässigt hätten: das Vergnügen. Es gibt allerdings auch einige Ausnahmen. Wittstocks Musterschüler in der Klasse der deutschen Autoren sind Patrick Süskind, Sten Nadolny, Christoph Ransmayer, Christoph Hein und Bodo Kirchhoff. Die haben's besser gemacht, die verkaufen sich auch gut, so sollte man es machen. Gute Idee.

Einer, der ebenfalls als Juror in Darmstadt dabei ist, Martin Hielscher, hat im September in der NEUEN RUNDSCHAU auf Uwe Wittstock reagiert. Sein Ton ist schärfer, empörter, verzweifelter - und anders als Wittstock, der sich eher an die Autoren wendet (denkt doch bitte, wenn Ihr schreibt, auch mal ans Publikum), hat Hielscher ein klares Feindbild: die Kritiker. Zwar gäbe es in Deutschland wirklich eine Sorte von Schriftstellern, die langweilig, hermetisch und gewissermaßen mit dem Rücken zum Publikum schreibe, Leute wie Peter Handke, Brigitte Kronauer oder Reinhard Jirgl, und ausgerechnet diese würden von der deutschen Kritik, "diesem Konzil der Eierköpfe" in ihrem leservertreibenden Literaturverständnis auch noch bestätigt. Aber daneben macht Hielscher noch eine Klasse von ganz anderen Autoren aus, Klaus Modick gehört dazu, Hella Eckert oder Burkhard Spinnen (Hielscher zählt insgesamt 19 auf), Autoren, die wirklich interessant, lebendig, erfahrungsreich schreiben, und deren Geschichten authentische Antworten auf unser Dasein sind, humorvoll, realitätshaltig, ironisch und spannend. Die Kritiker aber loben unverdrossen die Langweiler und lassen die spannenden Autoren links liegen. Kein Wunder, daß die deutsche Literatur so einen schlechten Ruf hat! Was Hielscher besonders aufregt: Dieselben Kritiker, die mit leuchtenden Augen von der amerikanischen Literatur schwärmen, von John Updike, Philip Roth und Richard Ford, lassen dem deutschen Autor, dessen Bücher entsprechend wirklichkeitsreich und unterhaltend sind, kaum eine Chance. Sie haben sozusagen eine doppelte Moral, oder eine doppelte Ästhetik.

Hielscher hat recht. Im "Spiegel" zum Beispiel gibt es alle Jahre wieder einen Überblicksartikel, in dem auf kurzem Raum möglichst viele Autoren über einen Kamm geschoren werden. Da geht es mal um "Debütanten", mal darum, wie deutsche Schriftsteller mit dem "Sex" zurechtkommen, mal darum, wie sie die "Wende" bewältigt haben, aber im Grunde ist es ganz egal, worum es geht; denn eins steht vorher fest: sie können's nicht. Gelegentlich wird mal eine Ausnahme gemacht (ich hatte Glück: "Sex" konnte ich), aber der Gestus ist immer derselbe: die Schulklasse wird heute in diesem, morgen in jenem Fach geprüft (Leistungskurs "Sex"), dann kriegen alle einen Rüffel, und damit sie wissen, wie sie's hätten machen sollen, wird ihnen irgendein Ausländer als Vorbild hingestellt, mal John Updike, mal Ivan Klima, wie's gerade kommt. Man kennt dieses Ländervergleichsdenken ja vom Sport, wie schneiden "wir" bei einer Olympiade oder Weltmeisterschaft ab, aber müssen Literaturkritiker so denken wie Sportreporter? Und wenn schon Ländervergleich, warum dann nicht so fair wie im Sport? Dort stehen die Deutschen wenigstens in Konkurrenz zu lauter einzelnen Nationen, aber wenn die deutschen Schriftsteller ihre Pauschalschelte bekommen, dann müssen sie es gleich mit allen auf einmal aufnehmen. Schaut her, was die anderen alles können! Das sind dann mal die Amerikaner, mal die Briten, mal die Holländer - irgendein Igel ist immer schon da. Deutschland gegen den Rest der Welt: das ist das Raster, in dem hier gedacht wird. Aber hatten wir das nicht eigentlich hinter uns? Offenbar nicht. In pervertierter Form hält sich das deutsche Sonderbewußtsein am Leben: Wenn wir schon nicht die Größten und Besten sind, dann wollen wir wenigstens die Niedrigsten und Schlechtesten sein. Hauptsache Superlativ!

Gegen das Ländervergleichsdenken überhaupt wendet sich Bruno Preisendörfer vom "Zitty". In seiner Besprechung von Uwe Wittstocks Essay macht er Front gegen das gesamte Einteilungsraster: "DIE deutsche Literatur gibt es nicht...

In den Buchhandlungen liegen nicht deutsche Literaturen herum, sondern lauter einzelne Bücher, die auf lauter einzelne Leser warten." Ihm als "freibeuterischem Leser" seien die "Absatzprobleme der Handelsflotten" wurscht. Euch geht es doch bloß um den LiteraturSTANDORT! ruft er aus, und wenn es mal zwei Jahre gar keine deutschen Bücher gäbe, wäre das auch keine Katastrophe.

Natürlich ist einem ein gutes ausländisches Buch lieber als ein schlechtes deutsches, aber braucht man sich deswegen um den Literaturstandort Deutschland keine Sorgen zu machen? Ob das Auto, mit dem ich herumfahre, in Spanien oder am Wirtschaftsstandort Wolfsburg montiert wird, kann mir als Käufer tatsächlich egal sein, aber ein ausländisches Buch ist ja nicht dasselbe Produkt wie ein deutsches, es erzählt von einer anderen Wirklichkeit. Wollen wir ernsthaft darauf verzichten, daß auf die Welt, in der wir leben, erzählerisch geantwortet wird?

Wie auch immer, der Autor kann sich sowieso nicht damit trösten, daß es egal sei, ob deutsche oder ausländische Bücher gelesen werden. Er sitzt, allein schon unter Marktgesichtspunkten, mit den Lektoren (Hielscher und Wittstock) in einem Boot. Wenn die Käufer in den Buchhandlungen sagen: "Jens Johler? Ist das ein Deutscher? Naja - da nehme ich doch lieber wieder was von diesem Amerikaner da" -, dann muß man schon darüber nachdenken, wie man sich von dem schlechten Image der Literatur made in Germany befreit. Aber was tun? Eine neue Gruppe gründen, nach Art der "Gruppe 47"? Oder ein schlagkräftiges "Kommando Thomas Strittmatter", wie Maxim Biller es im jüngsten "Tempo" vorschlägt?

Ich bin für eine diplomatischere Lösung: Wie wär's, wenn alle literarischen Schmuddelkinder, die Martin Hielscher in der "Neuen Rundschau" aufgelistet hat, der "deutschen" Literatur den Rücken kehren und einen eigenen kleinen Weltstaat gründen? Nennen wir ihn "Irgendwo". Wir könnten auch noch ein paar andere mitnehmen, Joseph Muggenthaler fällt mir ein, Petra Morsbach und Hans-Ulrich Treichel, und vielleicht kommen ja sogar ein paar alte Hasen mit, wie Herbert Rosendorfer (als Justizminster) oder Robert Gernhardt (for president!). Und dann sitzen wir in unserem schönen Irgendwo, jeder in seinem Zimmer wie auf einem eigenen Stern, und wenn einer von uns wieder ein Buch geschrieben hat, dann wird es aus dem Irgendwoischen ins Deutsche übersetzt, und die deutschen Kritiker kommen aus dem Jubeln gar nicht mehr heraus, weil es ja keine deutsche Literatur ist sondern ausländische, so daß kein Grund besteht, das Buch herunterzumachen, obwohl es "traditionell erzählt" oder gar "unterhaltend" ist. Und die Buchhändler freuen sich und legen das Buch ins Schaufenster, und die Leser reißen sich darum und rufen: "Toll, was dieser Irgendwoische da wieder geschrieben hat"! Und einmal im Jahr, am Tag, an dem die Honorare kommen, feiern wir in unserem kleinen Irgendwo ein Fest und trinken uns einen an und reiben uns die Hände und lachen über den kindischen Selbsthaß der Deutschen, über ihre masochistischen Rezensenten und ihr merkwürdig verqueres Verhältnis zur eigenen Literatur.