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Fünf Debüts

Erschienen in Zitty 21/1995

Ein Debüt ist immer eine aufregende Sache, zumindest für den Autor. Mein erstes Buch! Was für ein Aufsehen wird es erregen! Was werden die Kritiker dazu sagen? Und was die Leser? Auf die Idee, daß weder Kritiker noch Publikum sich um das neue Buch besonders kümmern, kommt man erst gar nicht. Und doch ist das die Regel. Die Kritiker machen angeekelte Gesichter und denken, schon wieder einer, der glaubt, dem Überfluß an Worten noch ein weiteres hinzufügen zu müssen, die Leser, wenn sie denn überhaupt vom neuen Werk erfahren, greifen lieber auf Bewährtes zurück. Kurz, die allgemeine Reaktion ist: Abwehr. Abwehr aber braucht Rechtfertigungen, und dafür haben wir unsere Vorurteile.

Das Debüt, so heißt es, leide in der Regel an einem Übermaß an autobiographischer Fixierung. "Da schreibt sich jemand etwas von der Seele" (als ob das etwas Schlechtes wäre). Oder: das Debüt behandelt eine "kleine Welt", der Autor traut sich noch nicht hinaus in die Weite. Oder: die Orientierung an Vorbildern ist zu groß, wo bleibt der eigene Stil? Oder: das Debüt kommt mit ungezügeltem Temperament daher, es mangelt ihm an Form, an der Beherrschung der Mittel. Kurz: das typische Debüt leide zugleich an einem Übermaß an Erfahrung (Seele) und an Erfahrungsarmut (kleine Welt), an einem Übermaß an Form (Vorbilder) und an einem Übermaß an Formlosigkeit (Temperament). Es ist also eine ziemlich zwitterhafte Angelegenheit. Oder gibt es das gar nicht, das "typische Debüt"?

Fangen wir an mit dem Roman von Petra Morsbach "Und plötzlich ist es Abend". Er ist routiniert geschrieben, mit langem Atem, über 600 Seiten lang und schildert ein ganzes Leben. Es ist das Leben von Ljudmila Gwosdikowa, genannt Ljusja, einer einfachen, kleinen Frau in Rußland, die das Herz auf dem rechten Fleck hat und sich mit Mühe durchschlägt, von Jahr zu Jahr, von Ehemann zu Ehemann, von Stalinzeit zu Breschnewzeit, Andropow, Gorbatschow und Jelzin. Aber die Politik spielt nur im Individuellen eine Rolle, und das ist es, was einen guten Roman ausmacht. Man liest ihn mit Spannung, oft atemlos und bestürzt über all die Gemeinheit, Niedrigkeit und Hilflosigkeit, die durch Armut, Rechtlosigkeit und Charakterschwäche hervorgebracht werden, und auch wieder gerührt über die Momente von Güte, die es, trotz allem, gibt. Natürlich sind - das Buch ist von einer Frau und aus der Perspektive einer Frau geschrieben - die Männer oft gemeiner, versoffener, hinterhältiger und brutaler als die Frauen, aber die Erzählung ist niemals tendenziös oder unangenehm einseitig. Ljusja ist eine tapfere Frau, eine Heldin des Überlebens, mit allen Wassern der kleinen Korruption und des sich Durchwurstelns gewaschen. Über die Trivialitäten in diesem Roman ("Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende") liest man hinweg; denn was als Eindruck bei der Lektüre überwiegt, ist das Staunen über die Fülle von Geschichten, die die Autorin hier zusammengetragen und meisterhaft verwoben hat, über die Kenntnis weniger der "russischen Seele" als des praktischen Lebens, der Leute, die in Lager und Verbannung geschickt wurden, der Funktionäre, der Spekulanten und der Dissidenten. Und alle sind sie einfach nur Menschen - es ist ein schönes, unideologisches Buch, ein großer Wurf! Ach was, Wurf! Schwerstarbeit. - Und was hat das mit einem "Debüt" zu tun? Nichts, außer daß es eines ist.

Die Erzählung "Nachtdienst" von Melitta Breznik beginnt mit einer Obduktions-Szene. "Der geöffnete Brustkorb ist gefüllt mit einem Durcheinander von Innerei-Resten, das Hirn, gelblich zerfließend, neben dem muskatnußfarbenen Halbmond der Leber." Brrr. Schnell weiterlesen. Worum geht es? Eine Ärztin arbeitet vorübergehend an einem Krankenhaus in der Nähe ihrer Geburtsstadt, besucht ihren siechen Vater im Pflegeheim und räumt, als er schließlich stirbt, zusammen mit ihrem Bruder seine Sachen aus. Erinnerungen werden noch einmal heraufbeschworen: an die Kindheit, den Großvater, die Mutter, an das arme, elende, verfehlte Leben der ganzen Familie. Und zwischendurch immer wieder Szenen im Krankenhaus, die überlastete Ärztin, die ungeduldigen Patienten, die Misere des medizinischen Abfertigungsbetriebs. Das alles ist behutsam, stilsicher, unaufdringlich und plastisch beschrieben, aber manchmal sehnt man sich doch ein bißchen nach dem Zynismus, wie man ihn von Ärzten kennt, oder am liebsten: nach Humor.

Ist das ein typische Debüt? Die eigene Geschichte, die Familiengeschichte, die Welt so klein wie die Geburtsstadt? Und ja, das ist auch so eine Frage, die sich der Literaturbetriebler stellt, wenn er es mit einem "Erstling" zu tun hat: Wird es bei diesem einen Buch bleiben? Macht die Autorin (sie ist wirklich Ärztin) weiter? Was kommt danach? Doch andererseits - ist "Was kommt danach?" die richtige Frage an ein schönes Buch?

Typisch für ein Debüt, aber auch für eine Art von "experimenteller" Literatur, wie sie in Deutschland viel zu hoch geschätzt wird, ist "Niemand lacht rückwärts" von Katrin Röggla; denn hier ist eine, die wenig zu erzählen hat aus ihrer kleinen Welt und - bleiben wir in ihrem Stil -: es ist ja alles einerlei in diesem kleingeschriebenen leben, versteht ihr, auf handlung soll es uns nicht ankommen, egal ob gelb ob grau oder dasselbe nochmal in grün, handlung ist sowieso mehr was fürs fernsehen und rauscht vorüber, aber katrin rögglas sätze rauschen ebenso vorüber, schon auf der ersten seite liest man das wort "eintragung" und denkt aha, und später bleibt der schnoddrig sprachmächtigen autorin nichts anderes übrig, "als mein dasein als eine existenz am bloßen papier zu betrachten", womit sie leider recht hat, auch wenn sie mal ins kaufhaus geht oder im urlaub kotzt und das buch voll von flippigen formulierungen ist -, aber was soll's?

Nun, Katrin Röggla ist noch sehr jung, gerade 24, und - hoppla - da haben wir ja noch so ein Debüt-Kriterium, das Alter! Es ist nämlich so, daß Kritiker gern darüber spotten, wenn Debütanten schon über 40 sind (besonders wenn sie selbst schon über 40 sind). Da hilft auch nicht der Hinweis auf Fontane oder Lampedusa. Petra Morsbach hat Glück, sie ist erst 39, Melitta Breznik ist 34, und jetzt könnte man vermuten, daß die Bücher besser, realitätshaltiger werden, je höher das Einstiegsalter der Autorin ist. Oder ist das bei Männern anders?

Kaum älter als Kathrin Röggla ist Benjamin Stein, 25. Sein Buch "Das Alphabet des Juda Liva" ist die phantastische Geschichte eines Mannes namens RottenSTEIN, der - geschlagen mit Epilepsie, der "heiligen Krankheit" - eine mystische Wandlung zum jüdischen Glauben durchmacht. Es spielt in Prag und Berlin und ist voll von wundersamen Ereignissen. Da fliegen Menschen durch die Luft, verbrennen und lassen ihre Seele wandern, befinden sich in einem zeitlosen Jetzt, in dem Vergangenheit und Zukunft ineinander schießen, und andauernd errät jemand die Gedanken des anderen, was bekanntlich eine ziemlich übersinnliche Angelegenheit ist. Ich muß gestehen, daß ich für dergleichen phantastische Literatur nicht viel übrig habe (auch Bulgakows "Der Meister und Margarita" ging mir auf die Nerven), aber ich habe doch Respekt vor dem Einfallsreichtum und dem blumenbinderischen Geschick, mit der der Autor seine Phantasieblüten bündelt. Leider hat ihn sein Lektor schmählich im Stich gelassen. Wie leicht wäre es zum Beispiel gewesen, den Text von einer der scheußlichsten Anfängerkrankheiten zu befreien: dem Erfinden von immer neuen Wendungen für "sagte er". Benjamin Stein muß eine ziemlich lange Liste für den "Wechsel im Ausdruck" gehabt haben, schon auf den ersten Seiten ballert er den Leser voll mit "erwiderte ich - orakelte er - brummelte ich - schwätzte er weiter - drängte ich - bat er sich trocken aus - lachte ich auf - sinnierte er weiter" und am schönsten ist offenbar "süßelte er", das kommt andauernd vor.

Zurück nach Petersburg. Der Zufall will es, daß auch Ingo Schulzes Debüt "33 Augenblicke des Glücks" an der Newa spielt, ungefähr zu der Zeit, wo Petra Morsbachs Roman aufhört. Es handelt sich (der Autor ist 33 Jahre alt) um 33 Kurzgeschichten, der Fiktion nach Aufzeichnungen eines gewissen Hofmann, eines deutschen Geschäftsmannes. Manchmal taucht eine Figur zweimal auf, aber das gemeinsame Band aller Geschichten ist nicht ein Handlungsstrang, sondern die Stadt, Petersburg. Alle Erzählungen sind meisterhaft geschrieben, mal realistisch und mit feinem Humor, mal surrealistisch mit brutalen Schlüssen, mal schlicht und melancholisch oder, gelegentlich, parodistisch. Deutsche, als Glücksucher und Glücksbringer spielen darin eine Rolle, enttäuschte Kommunisten, die Mafia, käufliche Liebe, Armut natürlich, Künstlerverzweiflung und einmal, ziemlich grauslich, ein kulinarischer Kannibalismus. Und wie die Motive wechseln, so auch die literarischen Formen: der innere Monolog, der Brief, der Theaterdialog, die Rollenprosa, die realistische Detailbeschreibung, das Spiel mit literarischen Vorlagen. Gekonnt! Und wenn es überhaupt etwas gibt, das man als typisch für ein Debüt ansehen könnte, dann dies: daß der Autor, wie ein geniales Kind, unbedingt alles vorführen muß, was er kann. Aber da er es wirklich kann, soll es dem Leser recht sein.

Ich hatte die Lektüre der fünf Bücher mit dem Vorurteil begonnen, daß die üblichen Ansichten über Debüts nichts als Vorurteile seien. Aber es sind offenbar doch gewachsene Vorurteile. Sie können zutreffen. Aber sie müssen es nicht. Es gibt gelungene Debüts, es gibt mißratene. Doch das ist bei allen Büchern so. Man sollte jedes für sich lesen. Auch das Debüt.

DIE BÜCHER

  1. Petra Morsbach "Plötzlich ist es Abend". Roman, Eichborn-Verlag. Frankfurt a.M. 1995.
  2. Melitta Breznik "Nachtdienst". Eine Erzählung. 115 S. Luchterhand Literaturverlag. München 1995.
  3. Kathrin Röggla "Niemand lacht rückwärts". 156 S. Residenz Verlag. Salzburg und Wien 1995.
  4. Benjamin Stein "Das Alphabet des Juda Liva". Roman. 327 S. Amman Verlag. Zürich 1995.
  5. Ingo Schulze "33 Augenblicke des Glücks". Berlin Verlag. Berlin 1995. 266 S.